Wenn ich sage, dass ich Texte in Leichter und Einfacher Sprache schreibe, erlebe ich ganz unterschiedliche Reaktionen. Die Einen haben schon Erfahrungen mit barrierefreier Kommunikation gemacht und sind sehr positiv gestimmt. Andere reagieren teilweise extrem ablehnend, was mich immer wieder sehr betroffen macht. Häufig ist dann im hektischen Alltag keine Zeit, um in Ruhe auf die Bedenken und Ängste dieser Personen einzugehen. Deshalb möchte ich diesen Weg nutzen, um über die Leichte und die Einfache Sprache aufzuklären.
Beide Sprachvarianten sind vereinfachte Formen der deutschen Standardsprache auf unterschiedlichem Niveau. Dabei ist die Leichte Sprache stärker vereinfacht als die Einfache Sprache. Ziel ist, Informationen verständlich für möglichst viele Personen zu vermitteln. Wenn allgemein von Barrierefreiheit die Rede ist, denken die meisten Menschen an physische Barrieren, wie Bordsteinkanten, Treppen, zu schmale Türen, die für Rollstuhlnutzende zum Problem werden. Sicher, in diesem Bereich ist in Deutschland noch viel Luft nach oben, da kenne ich aus Skandinavien eine deutlich bessere Zugänglichkeit im öffentlichen Raum für Menschen mit körperlichen Behinderungen. Aber das Thema barrierefreie Kommunikation für alle ist genauso wichtig.

In Artikel 5 unseres Grundgesetzes steht: „Jeder hat das Recht, … sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten.“
Viele Texte des öffentlichen Lebens sind aber nicht für alle Menschen gleichermaßen zugänglich. Sie können sich also nicht un-be-hindert informieren. 68 % der Behörden- und Firmeninformationen in Deutschland sind zum Beispiel im Sprachniveau C1 (GERS) verfasst, aber nur 7 % der deutschen Bevölkerung verstehen Texte auf diesem Niveau (laut Level-One-Studie (LEO) der Universität Hamburg).

Wenn Texte zu komplex sind, kann Sprache zur Barriere werden. Das betrifft Menschen mit Lernschwierigkeiten oder mit kognitiven Beeinträchtigungen sowie Menschen mit einer anderen Muttersprache als Deutsch aber auch funktionale Analphabetinnen, Menschen mit Lese-Rechtschreibschwäche, gehörlose oder sehbeeinträchtigte Menschen, Aphasiker, ältere Menschen, Menschen mit Demenz, Autistinnen … Die Liste ist lang. Für fast ein Drittel der Bevölkerung müssen Informationen besonders klar verständlich sein. Wenn man bedenkt, dass nur etwa 4-5 % der Behinderungen angeboren sind, also die Mehrzahl im Laufe eines Lebens entstehen, wird deutlich, dass es jeden Einzelnen jederzeit ebenfalls betreffen kann.
Ursprünglich ist die Leichte Sprache für (und mit) Menschen mit Lernschwierigkeiten entwickelt worden. Ihre Geschichte beginnt 1968 in Schweden, wo sich auf einer Tagung Menschen mit Lernschwierigkeiten zusammenschlossen. 1974 entstand daraus das Netzwerk People First, das in den USA gegründet wurde. Erst 1997 kam die Leichte Sprache nach Deutschland.
Für die Leichte Sprache gibt es klare Regeln:
• kurze Sätze
• leicht verständliche Wörter
• ein Satz / eine Aussage pro Zeile
• keine Abkürzungen
• keine Ironie, Synonyme, Metaphern
• kein Passiv
• kein Konjunktiv
• möglichst kein Genitiv
• keine Fremdwörter oder Fachbegriffe oder nur mit Erklärung
• klar strukturiert, Zwischenüberschriften zur Gliederung
• serifenlose Schrift, mind. 14 Punkt
• 1,5-facher Zeilenabstand
• ergänzende Leichte Bilder, die den Textinhalt erklären
• Prüfung der Texte durch Menschen mit Lernschwierigkeiten
• Achtung: Texte in Leichter Sprache haben keine Rechtssicherheit!
Die Einfache Sprache orientiert sich an der Leichten Sprache, ist jedoch komplexer. Hier gilt:
• kurze Sätze, aber länger als bei Leichter Sprache
• Nebensätze sind in Maßen erlaubt
• Fließtext
• größerer Wortschatz als bei Leichter Sprache
• Fremdwörter vermeiden bzw. erklären
• klare Gliederung und Struktur
• meist keine Bebilderung
• in der Regel keine Prüfung durch Prüfgruppe
• Texte in Einfacher Sprache können rechtsgültig sein
Welche der beiden Sprachvarianten zur Anwendung kommt, hängt ab von der Zielgruppe, der Situation und der Art der Information, die vermittelt werden soll. In bestimmten Bereichen gibt es eine Pflicht, Informationen in Leichter Sprache bereitzustellen. Das gilt für Öffentliche Stellen, also Ämter und Behörden.
Für manche Menschen ist die Leichte Sprache zwingend notwendig, um am öffentlichen Leben teilhaben zu können, für andere erleichtert sie die Kommunikation. Für viele Menschen ist Einfache Sprache schon eine große Hilfe. Es zeigt sich hier der sogenannte Curb-Cut-Effekt: Von Barrierefreiheit profitieren alle, nicht nur die Menschen, für die sie ursprünglich gedacht war.
Und noch in anderer Hinsicht gewinnen wir alle als Gesellschaft durch barrierefreie Kommunikation. Je mehr Menschen freien Zugang zu Informationen haben, desto mehr Menschen können sich an der Gesellschaft beteiligen und fühlen sich nicht abgehängt. Das beugt politischer und sozialer Unzufriedenheit vor und stärkt unsere Demokratie. Was in Zeiten wie diesen besonders wichtig und wertvoll ist. Also: Leichte und Einfache Sprache für uns alle – für Inklusion und Teilhabe. Und für Demokratie!

Bilder: © Reinhild Kassing, www.reinhildkassing.de, www.leichtesprachebilder.de