An einem kalten, sonnigen Januartag sind im Nordfriisk Instituut eine Handvoll Frauen zusammengekommen, um die nordfriesischen Übersetzungen des Kinderbuches „Kasimir malt“ von Lars Klinting zu besprechen. Das Nordfriisk Instituut liegt im Städtchen Bredstedt, ganz im Norden Deutschlands, an der Westküste Schleswig-Holsteins. Es versteht sich als wissenschaftliche Einrichtung zur Erforschung, Förderung und Pflege der nordfriesischen Sprache, Geschichte und Kultur.

Nordfriesisch: kein Dialekt, kein Plattdeutsch, sondern eine eigene Sprache

Nordfriesisch ist eine eigenständige Sprache und nicht zu verwechseln mit Plattdeutsch. Es gilt mitunter als „bestgehütetes Geheimnis der Bundesrepublik Deutschland“ – diese Phrase ist so abgedroschen wie leider immer noch wahr. Nordfriesisch gliedert sich in mehrere Dialekte, und für immerhin vier dieser Dialekte gibt es an zehn Schulen im Kreis Nordfriesland ein freiwilliges Unterrichtsangebot, das derzeit von über 700 Schüler:innen wahrgenommen wird. Für den Einsatz in diesen Schulen und das Vor- und Selberlesen im Kinderzimmer soll nun das beliebte Bilderbuch übersetzt werden. Franziska Böhmer hat einen Übersetzungsvorschlag ins Sölring (Sylter Friesisch) vorbereitet, Tina Tadsen hat Öömrang (Amrumer Friesisch) übernommen, Thora Kahl kümmert sich ums Mooringer Frasch, den größten Festlandsdialekt, und Antje Arfsten hat die Übersetzung kurzerhand zu einer Übung in ihrem Fortgeschrittenenkurs zum Fering (Föhrer Friesisch) an der Uni Flensburg gemacht und den Text dort gemeinsam mit der Studentin Gesche Martens bearbeitet. Eine Ausbildung als Übersetzerin hat keine der Frauen.

Arbeitsrunde im Nordfriisk Instituut
Arbeitsrunde im Nordfriisk Instituut Bredstedt

Bei unserem Treffen steht zuallererst die Frage im Raum, wie weit man in der Übersetzung vom Original abweichen dürfe. Natürlich soll sich die Geschichte auch auf Friesisch gut anhören. Aber so ein Text hat ja auch einen ganz bestimmten Stil. Verändert man den Stil zu sehr, wenn man freier übersetzt? Darf man das? Beziehungsweise: wollen wir das? Zum Glück ist in diesem Falle das deutsche „Original“ gar nicht das richtige Original, denn das Buch wurde ursprünglich auf Schwedisch geschrieben. Und tatsächlich weicht der deutsche Text zum Teil stark vom schwedischen ab. Thora ist begeistert: „Dåt as aw sweedisch foole nater än pååst uk beeder tut frasch.” – ‚Das ist auf Schwedisch viel netter und passt auch besser zum Friesischen.‘

Dann geht es um Übersetzungen für einzelne Wörter. Anders als für „große“ Sprachen gibt es für Nordfriesisch keine Spezialwörterbücher für Fachvokabular. Oft gibt es nicht einmal das Fachvokabular, denn die Arbeitswelt ist in der Regel hoch- oder plattdeutsch geprägt. Unterhält man sich auf Friesisch, fließen daher mitunter deutsche Wörter ein, je nach Thema mehr oder weniger. Bei unserer Übersetzung möchten wir es aber am liebsten so friesisch wie irgend möglich haben. Also müssen neue Wörter her. Nur, wie sagt man dann zum Beispiel „Vorstreichfarbe“? Man könnte Morphem für Morphem übersetzen, Vor-streich-farbe, aber das klingt nicht besonders schön. ‚Grundfarbe‘ (fe-öö: grünjfarew / mo: grünfårw / sö: Grünfārev) hingegen finden alle Übersetzerinnen gut und ein Blick in den Originaltext offenbart, dass dies sogar genau dem Schwedischen entspricht. „Wasserlöslich“ muss als Relativsatz übersetzt werden, auch da sind sich alle einig. Schwieriger wird es mit „Abklebeband“. Dass „Ab-“ wegfallen soll, befürworten alle. Aber da gibt es noch das Problem mit dem „Band“. Biinj heißt auf Mooringer Frasch nämlich auch ‚Bein‘, daher höre sich eine Übersetzung irgendwie komisch an. Gesche pflichtet bei, auf Fering bestehe dasselbe Problem. Wir überlegen, dass das Synonym „Malerkrepp“ vielleicht Abhilfe schaffen könnte: Maler heißt mååler auf Mooringer Frasch. Dann bleibt nur noch die Frage offen, ob man besser regelkonform -kräp oder der besseren Wiedererkennbarkeit wegen -krep schreiben solle. Sölring und Öömrang haben das Problem nicht, denn dort gibt es unterschiedliche Wörter für ‚Band‘ (sö: Bjen, öö: bäänk) und ‚Bein‘ (sö: Biin, öö: bian), und so beschließt Franziska, vorerst beim „Klebeband“ zu bleiben.

Es ist übrigens nicht das erste Mal, dass durch die Übersetzung eines Kinderbuchs neue Terminologie auf Nordfriesisch geschaffen wird: „Ik haa am naachtem faan wurden dremd!“ – ‚Ich habe nachts von Wörtern geträumt!‘ –, so erzählt Tina von ihrer Übersetzungsarbeit an dem illustrierten Wörterbuch First Thousand Words (Amery & Cartwright) in den 1990ern. Bei einem Bildwörterbuch könne man sich nicht drücken: Die Bilder sind da und müssen irgendwie übersetzt werden, ergänzt Antje. Eine wichtige Frage sei immer, ob die Übersetzung dann auch von der Community akzeptiert werde.

Wan ham tau farwen faan onerskiaselk klöören tupreert, komt diar en traad klöör bi am.

Ein paar Seiten weiter taucht indes eine neue Herausforderung auf. Es geht darum, dass eine neue Farbe entsteht, wenn man zwei Farben mischt. Nordfriesisch hat aber zwei Wörter für „Farbe“, je nachdem, ob es um das Material (fe-öö: farew, mo: fårw, sö: Fārev) oder den Farbton (fe-öö: klöör, mo: blai, sö: Klöör) geht. Was mischt man an dieser Stelle? Das Material oder den Farbton? Vom Team Fering kommt eine geniale Idee, die fast als Merksatz für den Unterschied der zwei Begriffe herhalten kann: Wan ham tau farwen faan onerskiaselk klöören tupreert, komt diar en traad klöör bi am. ‚Wenn man zwei Farben unterschiedlicher Farbtöne zusammenrührt, kommt dabei ein dritter Farbton raus.‘

Damit beenden wir unser erstes Treffen. In drei Wochen kommen wir noch einmal zusammen, um die überarbeiteten Fassungen zu vergleichen. Wenn danach alle Fragen geklärt sind, können die Texte in den Satz gehen und das nächste Buch kann übersetzt werden. Drei Bände der Kasimir-Reihe sollen bis Mitte 2027 erscheinen.

Fun Fact 1: Übersetzungsanfragen erreichen das Nordfriisk Instituut in unregelmäßigen Abständen. So wurden beispielsweise bereits Baderegeln, Wahlinformationen und das Liebeslied von Rainer Maria Rilke ins Nordfriesische übertragen. Aber auch Übersetzungen von Bilderbüchern und Schulmaterialien gehen immer mal wieder durchs Haus.

Fun Fact 2: Vereidigte Übersetzer:innen gibt es für Nordfriesisch genau eine und auch sie ist dem Nordfriisk Instituut verbunden: Inken Völpel-Krohn war lange Zeit Vorsitzende des Trägervereins Verein Nordfriesisches Institut e.V.

Textarbeit Nordfriesisch
Textarbeit Nordfriesisch

Lena Terhart ist Sprachwissenschaftlerin und seit 2019 am Nordfriisk Instituut tätig. Seit 2023 leitet sie dort die Abteilung „Nordfriisk Liirskap“, die sich der nordfriesischen Spracharbeit verschrieben hat. Dort entstehen beispielsweise Unterrichtsmaterialien für Nordfriesisch in der Grundschule und ein Onlinekurs zum Selbstlernen. Nordfriisk steht dabei für ‚nordfriesisch‘. Das Wort Liirskap ist mehrdeutig, liire kann ‚lehren‘ oder ‚lernen‘ bedeuten, während skap entweder als ‚Schiff‘ oder als Wortbildungsendung ‚-schaft‘ zu verstehen ist. Glücklicherweise muss niemand dieses Wort ins Deutsche übersetzen.

Bilder: Nordfriisk Instituut

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