Vor vier Jahren hatte ich die schöne, aber auch herausfordernde Aufgabe, Hannah Gadsbys Memoiren Ten Steps to Nanette ins Deutsche zu übersetzen. Ich habe mich sehr gefreut, dass dieser Auftrag bei mir gelandet ist, schließlich teile ich viele, viele Erfahrungen mit Gadsby. Wir sind praktisch der gleiche Jahrgang (okay, ich bin ein Jahr älter), beide queer, entsprechen beide nicht ganz dem Geschlechterklischee. Klar könnte man argumentieren, wieso ist das relevant, es geht ja „nur“ um die Übersetzung eines Texts, dann kann ja jede andere Person aus dem Berufsfeld genauso gut. Das an sich will ich gar nicht diskutieren, nur darauf hinweisen, dass es manchmal gut ist, eine Stimme zu wählen, die eine vergleichbare Lebensrealität hat. Ich bin fest davon überzeugt, dass eine Übersetzung enorm davon profitiert, wenn echtes Herzblut darin steckt, weil die übersetzende Person einen gelebten Bezug zum Thema hat. Das fängt beim Vokabular an, das ein Mensch, der in dem entsprechenden Bereich unterwegs ist, mit Natürlichkeit benutzt. Sicher, Vokabular kann recherchiert werden, aber wie häufig habe ich in Übersetzungsforen Diskussionen über Begriffe gelesen, die ich nicht anders als haarsträubend bezeichnen kann. Da wurde geothert ohne Rücksicht auf Verluste. Und so etwas tut weh, besonders bei Themen und Texten, die sich an eine bestimmte Zielgruppe richten, die selbst eben Profis auf ihrem Gebiet sind.
Aber zurück zum eigentlichen Thema, queere Literatur bzw. Ten Steps to Nanette. Die Arbeit an diesem Projekt war auf mehreren Ebenen herausfordernd. Zum einen gab es einen sehr engen Zeitplan, zum anderen ist das Buch randvoll mit traumatischen Erfahrungen, von denen ich auch einige teile. Als Übersetzerin überträgt man nicht einfach nur Wörter von links nach rechts, man überträgt auch Inhalte – und ein guter Text fesselt das Lesepublikum, löst Gefühle aus. Als Übersetzerin steige ich noch einmal tiefer in den Text als eine „normale“ Leserin, fast so tief wie die Autorin selbst, forme alles so nach, dass im Deutschen etwas entsteht, das die gleiche Wirkung erzielt.
Vieles an diesem Projekt ging mir sehr nahe und hat mich auch im Alltag nicht losgelassen. Anderes hat mir die Augen geöffnet. Was genau queere Scham ist und wie sie mein Leben beeinflusst, war mir beispielsweise gar nicht bewusst.
Gerade in Zeiten wie diesen, wo sich die Angriffe auf queere Menschen mehren, wo jemand mit einem Auto in eine Menge fährt, die friedlich den CSD feiert, sind queere Texte wichtiger denn je. Übergriffe auf queere Menschen gab es leider immer, aber seit diesem Anschlag fühlen sich weit mehr Leute berechtigt und bemächtigt, ihren Hass wieder deutlicher zu zeigen. Texte wie der von Gadsby zeigen sehr deutlich und eindringlich die „andere“ Seite. Zeigen, wie sich das Verhalten glücklicherweise noch weniger auswirkt. Ich glaube, vielen Heterosexuellen sind diverse Aspekte gar nicht bewusst, die in queerer Literatur beleuchtet werden. Der für mich immer noch eindringlichste Vergleich ist, als Gadsby beschreibt, wie irrsinnig sich die Volksabstimmung zur Öffnung der Ehe für alle in Australien angefühlt hat. Welche Macht dies der Bevölkerung gegeben hat. Und wie verletzend es war, dass Hinz und Kunz sich plötzlich zu diesem Thema äußern durften, überhaupt in die Entscheidung eingeschlossen wurden.
Aber ich drifte ab, was aber daran liegt, dass mir dieses Projekt immer noch so sehr am Herzen liegt und ich es für eins der relevantesten Bücher der letzten Jahre halte – und es ist definitiv das relevanteste, das ich bisher übersetzen durfte.
Ich habe noch drei weitere explizit queere Bücher übersetzt (und sehr, sehr viele Filme untertitelt). Einer eher klassische Belletristik (trotzdem fehlt mir Ruth, die Hauptfigur, immer noch), ein Jugendbuch mit zwei Basketballerinnen rivalisierender Teams und ein Jugendbuch, das sehr geschickt mehrere wichtige Themen verwob: Migration, Homosexualität, PTBS, Religion. Dafür wurde es (und meine Übersetzung) auch für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert: Kristina Aamands Wenn Worte meine Waffe wären.
In diesem Buch war es jedoch weniger die Queerness, die ziemliches Fingerspitzengefühl bei der Wahl der Begriffe und Selbstbezeichnungen erforderte, sondern der muslimische Hintergrund der Protagonistin.
Ich bin jedenfalls sehr offen für lesbische und queere Geschichten, weil ich gern helfe, sie in die Welt zu bringen.