Die beiden japanischen Redewendungen „Akemashite omedetō gozaimasu!“ (明けましておめでとうございます) und „Yoi otoshi wo“ (良いお年を) waren meine erste Erfahrung mit unterschiedlichen Grußworten rund um den Jahreswechsel. Davor kannte ich auf Afrikaans und Englisch nur Wünsche wie „Happy New Year!“, die um Mitternacht gesagt wurden, aber ebenso gut an den Tagen davor oder danach passten. In Japan musste ich dann unterscheiden. Obwohl „Yoi otoshi wo“ auf den ersten Blick „Happy New Year“ oder „Frohes neues Jahr“ ähnelt, ist es eine Verkürzung von „Yoi otoshi wo omukae kudasai“, was so viel wie „Bitte heißen Sie das neue Jahr willkommen“ bedeutet und am Silvesterabend oder in den Tagen davor passend ist, wie der „Gute Rutsch“, an den ich mich später in Deutschland gewöhnen musste.



Wenn das neue Jahr angebrochen ist, steigt man auf „Akemashite omedetō gozaimasu!“ um. („Akemashite omedetō“ wäre informell, „Akemashite omedetō gozaimasu!“ etwas formeller und „Shinnen akemashite omedetō gozaimasu!“ sehr formell – und bestimmt gibt es sogar noch eine höhere Stufe für ein formelles Schreiben oder eine Rede.) So viel wie: Herzlichen Glückwunsch zum Anbrechen (buchstäblich „Öffnen“) des neuen Jahres!
Wenn ich an Silvester in Japan denke, kommen mir neben Neujahrspostkarten (Nengajō) und dem Schrein- oder Tempelbesuch das Neujahrsessen ganz deutlich in den Sinn. Insgesamt sind die vielen Traditionen und die Zeit mit Familie eher wie Weihnachten als wie Silvester in Deutschland.
Zum Thema Essen schrieb unser Mitglied Toshi Hashimoto aus der Präfektur Hiroshima:
In Japan isst man zum Neujahr Kazunoko (数の子 – die Eier des Herings): Es symbolisiert hauptsächlich den Wunsch nach Nachkommen und deren Prosperität und man wünscht sich allgemein die gesunde Prosperität der Familie. Darüber hinaus gibt es weitere symbolische Bedeutungen: Da Nishin (Heringsfisch) homophon zu ni Shin (zwei Eltern) ist, steht es für die Gesundheit und das Wohlbefinden beider Elternteile und die goldene Farbe von Kazunoko symbolisiert auch Glück im Geld und wirtschaftlichen Wohlstand.


In meiner Familie entsalzt man jedes Jahr am Ende des Jahres Kazunoko, taucht es in eine Sojasauce-Brühe ein, die nach dem überlieferten Rezept meiner Großmutter zubereitet wird, und isst es zu Beginn des Jahres, um für die Familie ein Jahr der Unversehrtheit und des geschäftlichen Erfolgs zu wünschen. Es ist ein sehr leckeres Neujahrsgericht.
Kazunoko ist ein Bestandteil von Osechi-Ryōri. Der Begriff umfasst die traditionelle, glücksbringende Küche, die zur Feier der Ankunft des neuen Jahres zubereitet wird, als Opfergabe an den Jahresgott, um für die Gesundheit der Familie, eine reiche Ernte, den Wohlstand der Nachkommen und Ähnliches zu beten. Ursprünglich handelte es sich um Gerichte, die zu den saisonalen Wendepunkten (Sekku) hergestellt wurden, doch der Begriff bezieht sich nun vor allem auf die Gerichte für den Neujahrswendepunkt, die in mehrstufigen Schachteln (Jūbako) gepackt werden, wobei in jedes Gericht bestimmte Wünsche eingebettet sind. Meistens wird sie während der ersten drei Neujahrstage (1. bis 3. Januar) gegessen, in manchen Regionen jedoch bis etwa zum 7. Januar. Früher wurden an diesen Tagen gar nicht gekocht, mit der Ausnahme von Ozōni, einer traditionellen Neujahrssuppe. Deshalb verwenden die meisten Osechi-Gerichte haltbare Zutaten oder enthalten sie viel Essig, um die Haltbarkeit zu verlängern.
In diesem Sinne, liebe Mitglieder, werte Leser*innen: Akemashite omedetō gozaimasu, frohes neues Jahr und Happy New Year!
Bilder: Ingrid Lezar und Takeshi Miyahara
Wie schön, diese sehr persönlichen Einblicke! Euch auch ein frohes neues Jahr 2026!