Als ich mich als freiberufliche Übersetzerin selbstständig gemacht habe, bestand mein Alltag anfangs weniger aus Sprache als aus vielen allerersten Malen. Viele davon wirkten nach außen banal, waren für mich aber echte Meilensteine. Noch bevor ich den ersten Text übersetzte, musste ich mich beim Finanzamt melden, eine Steuernummer beantragen und akzeptieren, dass Selbstständigkeit sehr viel mit Formularen zu tun hat.

Zu den ersten Schritten gehörte auch alles, was Sichtbarkeit schafft und Unsicherheit gleich mitliefert:
- mein erstes Logo entworfen und wieder verworfen
- meine erste Website erstellt und festgestellt, dass sie nie wirklich „fertig“ ist oder fertig sein wird
- eine E-Mail-Signatur gebaut, die professioneller wirken sollte, als ich mich fühlte
- die ersten Kund*innen angeschrieben und lange gezögert, bevor ich auf „Senden“ klickte
- den ersten Social-Media-Post veröffentlicht, später kritisch hinterfragt, wenn nicht sogar wieder gelöscht
Die eigentliche Arbeit kam dann schneller als gedacht. Und mit ihr neue Erfahrungen:
- die erste echte Kundenanfrage erhalten und sofort an mir gezweifelt
- mein erstes Projekt begonnen und den Zeitaufwand unterschätzt
- mein erstes Honorar bekommen und gelernt, was davon übrigbleibt
- meine erste Absage kassiert und sie zu persönlich genommen
- meine erste Testübersetzung angefertigt, ohne zu wissen, wie sie bewertet wird

Nicht alles war leicht oder planbar. Manche ersten Male waren unbequem:
- die erste konstruktive Kritik erhalten und zwischen Kränkung und Lernprozess geschwankt
- die erste (und nicht die letzte) Existenzkrise erlebt
- Work-Life-Balance mehrfach infrage gestellt
- Phasen gehabt mit zu viel Arbeit und später mit zu wenig
Dazu kamen Zeiten, in denen ich monatelang außer Kraft war. Nicht spektakulär, sondern leise. Keine Energie, wenig Zuversicht, viel Selbstzweifel. In solchen Phasen wirkte alles zäh: Akquise, Texte, Entscheidungen. Erst rückblickend habe ich verstanden, dass diese Tiefphasen kein Scheitern waren, sondern Teil des Prozesses. Auf jede Phase des Stillstands folgte irgendwann wieder eine mit neuer Energie, klarerem Fokus und frischer Motivation. Und das oft überraschend schnell. Rückblickend jedenfalls.
Und dann gab es die stillen, wichtigen Momente:
- das erste Mal mit Überzeugung gesagt: „Ich bin Übersetzerin“
- verstanden, dass Professionalität mit Erfahrung wächst, nicht mit Perfektion
- ein Rebranding angestoßen, weil ich mich weiterentwickelt hatte
- eine neue Website erstellt: klarer, fokussierter und näher an mir selbst (und auch diese wird derzeit überarbeitet)
Heute weiß ich: Selbstständigkeit verläuft in Wellen. Phasen mit Hochdruck und Begeisterung wechseln sich ab mit Zeiten der Erschöpfung und Neuorientierung. Aufzugeben war in den Tiefphasen nie die Lösung. Zuzulassen, dass sie da sind, schon. Die High-Phasen kommen zurück. Nicht identisch, aber oft stärker.
Bilder: Hannah Wei / Unsplash und Chuang XY / Unsplash
Schöner Beitrag. Ich finde es toll, dass jemand so ehrlich ist und auch von seinen Struggles im Job erzählt. Es geht uns doch allen so.