KI ist nicht erst seit gestern in aller Munde. Und unsere Profession, die des Übersetzers oder der Übersetzerin, gilt als besonders bedroht. Warum? Einerseits sind Dienste wie Google& Translate oder DeepL immer besser geworden, andererseits bietet auch die künstliche Intelligenz – wie ChatGPT oder Gemini – starke Übersetzungsfunktionen.

Vielleicht spüren wir bereits selbst, dass sich die Auftragslage verschlechtert, ob wegen KI oder aus anderen Gründen. Vielleicht habt ihr, wenn ihr Freiberufler seid, ja auch solche E-Mails wie hier abgebildet bekommen.

Wie gehen wir damit um? Uns Freiberuflern fehlt ja oft eh schon die Sicherheit, nächsten Monat noch Aufträge zu haben. Suchen wir jetzt schon nach Alternativen, vielleicht als festangestellter Übersetzer, Projektmanagerin, oder in einer verwandten Branche – oder wagen wir vielleicht sogar etwas ganz Neues?

Oder sagen wir uns: „So schnell gebe ich nicht auf, ich versuche noch mal alles, was möglich ist, um mein Geschäft wieder zu beleben“? Dafür spricht vielleicht, dass sich der KI-Hype wieder legt, dass KI durchaus auch „dümmer“ wird.* Und der Ausstieg vieler Kolleginnen und Kollegen kann ja auch dazu führen, dass sich die Konkurrenzsituation am Markt verbessert.

*Zum Beispiel, indem sie sich selbst trainiert und ihre Fehler oder Halluzinationen sich dadurch vervielfältigen, bzw. wie der sogenannte „KI-Slop“ zeigt, der gerade die Welt des Digital Content durcheinanderwirbelt 

Zwei, die sich für einen Umstieg entschieden haben, sind Jessica Link und Florian Tejera Valenzuela. Wir sind super gespannt auf ihre Geschichten.

David Terhart: Jessica, was hast du als Freiberuflerin gemacht?

Jessica Link: In meiner Tätigkeit als freiberufliche Übersetzerin war ich auf technische und juristische Fachübersetzungen in den Sprachkombinationen Englisch-Deutsch und Italienisch-Deutsch spezialisiert. Meine Schwerpunkte waren Zivil- und Strafrecht, sowie Elektrotechnik, Automatisierung und Robotik.

D: Was hat zum Umstieg geführt?

J: Ab 2019 spürte ich zunehmend, dass sich die Übersetzungsbranche in einem Wandel befindet und auch von Direktkunden mit steigender Tendenz Post-Editing maschineller Übersetzungen angefragt wurden. An einem bestimmten Punkt begann ich mich zu fragen, ob ich diesen Wandel des Berufsbilds und die damit einhergehende abnehmende Kreativität mittragen möchte. Die Antwort lautete Nein und im Rahmen eines Coachings habe ich mich 2022 schließlich auf die Suche nach einer neuen beruflichen Zukunft gemacht.

D: Was machst du jetzt?

J: Seit Juli 2022 arbeite ich als Lektorin beim Carlsen Verlag in Hamburg, genauer gesagt für den Lappan Verlag, der seit 2015 Teil von Carlsen ist und sich auf Humor und Unterhaltung für Erwachsene spezialisiert. Als Lektorin betreue und entwickele ich zusammen mit meinen Kolleginnen Geschenkbücher, Kalender und NonBook-Artikel.

D: Wie zufrieden bist du aktuell nach dem Wechsel?

J: Der Wandel in der Übersetzungsbranche zeichnete sich bereits vor ChatGPT und KI durch automatisierte Übersetzungen und Post-Editing für mich deutlich ab. Die kreative Seite meines Berufs verlor mehr und mehr an Bedeutung. Ich habe die Entscheidung, meine Freiberuflichkeit an den Nagel zu hängen, nie bereut. Ich liebe meinen Job als Lektorin, die Zusammenarbeit mit den Autor*innen und meinen Kolleginnen sowie den Mix aus strategischem Denken und Kreativität.

David Terhart: Florian, was hast du als Freiberufler gemacht?

Florian Tejera Valenzuela: Beinahe 14 Jahre lang war ich als Technischer Übersetzer tätig und habe für Direktkunden, aber auch sehr viel für Agenturen gearbeitet. Schwerpunkte waren Robotik, Automation und Medizintechnik. Auch Lektorat und Korrektorat waren Teil meines Angebots.

D: Was hat zum Umstieg geführt?

F: Auftragsflauten wurden immer länger und häufiger. Da wird man als Soloselbstständiger schnell nervös, gerade wenn man Verantwortung für Familie und andere finanzielle Verpflichtungen hat. Natürlich habe ich versucht, erst einmal zusätzliche oder besser bezahlte Aufträge an Land zu ziehen, neue Kunden zu gewinnen … das wollte mir nicht recht gelingen. Viele von uns sind in Sachen Akquise nicht unbedingt Experten, auch wenn das für Unternehmer eigentlich unabdingbar ist. Ich war da keine Ausnahme. Irgendwann habe ich angefangen Bewerbungen zu schreiben. Für Stellen jenseits der Übersetzungsbranche, wenn auch in Rufweite. Das war recht schnell von Erfolg gekrönt.

D: Was machst du jetzt?

F: Ich bin jetzt bei Johnson Controls als Technischer Autor tätig. Zu meinen Aufgaben gehören auch Übersetzung, Post-Editing und Lektorat, sodass ich mich schnell zu Hause gefühlt habe. Dazu kommen ganz viele andere Dinge, etwa die Beratung der anderen Team-Mitglieder rund um Sprache und Übersetzung. Es ist ein Unternehmen voller Techniker, da bin ich als Übersetzer eher der Exot. So bringe ich aber auch viel Wissen und Erfahrung mit, das hier gebraucht wird. Wir Übersetzerinnen und Übersetzer sollten unsere eigenen Fähigkeiten nicht zu gering einschätzen. Wir haben viel zu bieten! Die Industrie ist, was „unsere“ Kompetenzen angeht, noch lange nicht so weit wie viele meinen.

D: Wie zufrieden bist du aktuell nach dem Wechsel?

F: Wie schon erwähnt, waren für mich die finanzielle Sicherheit und die Perspektive die entscheidenden Gründe für den Wechsel. Beides habe ich bei Johnson Controls gefunden. Was mir darüber hinaus noch sehr gut gefällt, ist das Team, in dem ich arbeite. Damit steht und fällt es überall, denke ich.

Jessica Link arbeitet als Lektorin im Carlsen Verlag in Hamburg. Zuvor war sie 12 Jahre als freiberufliche Fachübersetzerin für Technik und Recht in den Sprachen Englisch und Italienisch tätig. Dabei war sie auch viele Jahre lang ein aktives und sehr geschätztes Mitglied im DVÜD. Auch wenn ich Jessica nur ab und an getroffen habe, war das immer mit viel Spaß und Lebensfreude verbunden!

Florian Tejera Valenzuela ist Technischer Autor bei Johnson Controls. Als studierter Diplom-Übersetzer (Johannes Gutenberg-Universität Mainz) war er lange als Technischer Übersetzer und Lektor für Direktkunden und Agenturen tätig. Tipp: Auf seinem LinkedIn-Profil finden sich viele spannende und informative Posts und Diskussionen!

David Terhart ist seit 2009 freiberuflicher Übersetzer mit den Spezialisierungen IT, Marketing, Technik und Recht. Er übersetzt aus dem Niederländischen und Englischen ins Deutsche und ist seit 2015 Mitglied des DVÜD e. V., wo er unter anderem lange den Leipziger Stammtisch organisiert hat und auch eine Weile im Beirat aktiv war. Weil er Niederländisch fast nur schriftlich verarbeitet, freut er sich immer besonders über jede Gelegenheit, Niederländisch zu sprechen!

Bilder: David Terhart und Andrew Teoh / Unsplash

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