Sprache ist mehr als Kommunikation – sie ist Teilhabe, Identität und eine Brücke zwischen Menschen. Für uns Sprachprofis im DVÜD ist sie zugleich Berufung und gesellschaftlicher Auftrag. Wir wissen, dass Übersetzen und Dolmetschen nicht nur Worte übertragen, sondern Verständigung ermöglichen. Und genau diese Verständigung steht derzeit auf dem Spiel.

Als Übersetzer und Geschäftsführer der ASCO Sprachenwelt in Coburg, einem Familienunternehmen, das seit 1947 für sprachliche Brücken steht, erlebe ich täglich, was Sprache leisten kann – und was passiert, wenn man sie Menschen vorenthält. Die „ASCO“ wurde nach dem Krieg von meinen Großeltern als Übersetzungsbüro gegründet, aus dem Wunsch und Bedarf, Verständigung über Grenzen hinweg zu fördern. Heute sind wir ein Bildungsanbieter mit Integrations‑, Sprach‑ und Berufssprachkursen, einer Berufsfachschule für Fremdsprachenberufe, einem Übersetzungsbüro und einer bilingualen Kindertageseinrichtung – und führen diese Tradition fort: Sprache als Schlüssel zur Integration und zum Miteinander.

Unsere Berufsfachschule für Fremdsprachenberufe bildet Fachkräfte für internationale Wirtschaftskommunikation aus – Menschen, die Sprache als Werkzeug für globale Zusammenarbeit verstehen. Sie lernen, zwischen Kulturen zu vermitteln, wirtschaftliche Prozesse sprachlich zu begleiten und Kommunikation professionell zu gestalten. Damit schaffen wir eine Brücke zwischen Bildung und Wirtschaft, zwischen Sprache und Arbeitswelt.

Ein weiterer zentraler Teil unserer Arbeit ist die bilinguale Kinderwelt ASCOLINO, die erste bilinguale Kita unserer Region. Seit 2020 betreuen wir dort Kinder mit und ohne Migrationshintergrund mit englisch‑ und deutschsprachigen Fachkräften – vom Krippen‑ bis zum Vorschulalter. ASCOLINO steht für moderne Pädagogik, Mehrsprachigkeit und Teilhabe. Ergänzend bieten wir bilinguale Ferienbetreuung und Motto‑Wochenenden für Grundschulkinder an, um Mehrsprachigkeit als selbstverständlichen Teil des Alltags zu verankern. So beginnt Spracherwerb dort, wo er am nachhaltigsten wirkt: im frühen Kindesalter.

Nicht zuletzt, und das ist uns besonders wichtig, sind wir auch der größte Träger für BAMF-geförderte Integrations- und Berufssprachkurse in Coburg. Aktuell lernen knapp 200 Teilnehmende aus ca. 15 Nationen in unseren Kursen Deutsch. Ca. 70% von ihnen wären von den Entscheidungen des Innenministers betroffen und würden ihren Sprachkurs künftig nicht mehr besuchen können. Gleichzeitig gab vor zwei Wochen die IHK zu Coburg im Arbeitskräfteradar bekannt, dass allein in unserer Region in den nächsten 4 Jahren ca. 30.000 Fachkräfte fehlen – eine Lücke, die nur durch gut organisierte Zuwanderung und Integration geschlossen werden kann. Der Schlüssel dazu ist die Sprache.

Doch dieser Schlüssel droht verloren zu gehen. Die aktuellen Kürzungen bei der Teilnahme an Integrationskursen treffen nicht nur die Lernenden, sondern auch die Kursträger, die Wirtschaft und letztlich die Gesellschaft. Wer täglich mit den Menschen arbeitet, weiß, wie entscheidend diese Kurse sind. Sprache ist kein Luxus, sie ist Infrastruktur – sie schafft Zugang, Selbstwirksamkeit und Zugehörigkeit. In unseren Kursen erleben wir, wie Menschen aufblühen, sobald sie sprachlich handlungsfähig werden. Wenn wir diese Kurse kürzen, kürzen wir an der Grundlage gesellschaftlicher Stabilität.

Für Kursträger bedeuten die Kürzungen eine enorme Belastung. Seit Jahren arbeiten viele Einrichtungen am Limit: schwankende Zuweisungen, kurzfristige politische Entscheidungen, steigende Kosten, Fachkräftemangel. Nun kommen weniger Teilnehmende, weniger Planungssicherheit und weniger Finanzierung hinzu. Manche Träger stehen vor der Frage, ob sie überhaupt weiterarbeiten können. Dabei sind es genau diese Strukturen, die Deutschland in den letzten Jahren geholfen haben, Integrationsprozesse professionell und verlässlich zu gestalten. Wenn Kursträger wegfallen, verschwinden Kompetenzen, Teams, Räume und Netzwerke – und sie kommen so schnell nicht wieder.

Auch die Wirtschaft spürt die Folgen. Deutschland diskutiert über Fachkräftemangel, über demografischen Wandel, über Wettbewerbsfähigkeit. Gleichzeitig erschweren wir Menschen, die arbeiten wollen, den Zugang zur Sprache, die sie dafür brauchen. Unternehmen berichten uns regelmäßig, dass sie motivierte Bewerberinnen und Bewerber hätten, die nur eines brauchen: solide Sprachkompetenz. Jeder nicht besetzte Ausbildungsplatz, jede unbesetzte Stelle kostet Geld. Jeder Mensch, der aufgrund fehlender Sprachkenntnisse nicht arbeiten kann, kostet ebenfalls Geld. Integrationskurse sind keine Ausgaben – sie sind Investitionen.

Bilder aus einem Kurs der ASCO Sprachenwelt in Coburg

Gesellschaftlich betrachtet sind die Kürzungen ebenso fatal. Weniger Kurse bedeuten mehr Abhängigkeit von Behörden, mehr Missverständnisse, mehr soziale Isolation, mehr Parallelstrukturen und mehr Frustration auf beiden Seiten. Integration funktioniert nicht durch Appelle, sondern durch Ermöglichung. Und Ermöglichung beginnt mit Sprache.

Als Übersetzer bewege ich mich täglich zwischen Sprachen und Kulturen. Ich weiß, wie viel Präzision, wie viel Nuance und wie viel Welt in einem einzigen Wort steckt. Ich weiß aber auch, wie verletzlich Menschen sind, wenn ihnen diese sprachliche Welt fehlt. Integrationskurse sind der Ort, an dem diese Welt Stück für Stück aufgebaut wird. Sie sind ein Raum der Selbstermächtigung. Ein Raum, in dem Menschen lernen, sich zu orientieren, zu argumentieren und zu verstehen. Wenn wir diesen Raum verkleinern, verkleinern wir die Chancen der Menschen – und damit unsere eigenen.

Was wir jetzt brauchen, ist Planungssicherheit für Kursträger, verlässliche Finanzierung statt kurzfristiger Sparrunden, eine klare politische Priorisierung von Sprachförderung, die Anerkennung, dass Integration nicht zum Nulltarif zu haben ist, und den Mut, langfristig zu denken, statt kurzfristig zu kürzen. Deutschland hat in den letzten Jahren gezeigt, dass es Integration kann. Wir haben Strukturen aufgebaut, die funktionieren. Wir haben Fachkräfte, Lehrkräfte, Konzepte und Erfahrung. Was uns fehlt, ist nicht Kompetenz – sondern politischer Wille.

Sprache öffnet die Tür zur Teilhabe. Integrationskurse sind der Schlüssel, der sie aufschließt. Wer diesen Schlüssel wegnimmt, verschließt Chancen.

Matthias P. Schmidt, Übersetzer und Geschäftsführer der ASCO Sprachenwelt in Coburg, leitet ein Familienunternehmen, das seit fast 80 Jahren für Verständigung durch Sprache steht. Die ASCO Sprachenwelt wurde 1947 als Übersetzungsbüro gegründet und ist heute ein Bildungsanbieter mit Integrations‑, Sprach‑ und Berufssprachkursen, einem Übersetzungsbüro, einer Berufsfachschule für Fremdsprachenberufe und der bilingualen Kinderwelt ASCOLINO. Der Autor ist Chartered Linguist, Mitglied im DVÜD, BDÜ, IAPTI, CIOL (UK).

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