Neulich in unserem Ideen-Café zur Frage „Too small to do good?“ haben wir eine ganze Reihe von Themen angeschnitten, darunter auch die Herausforderung: „Was macht für uns als Selbstständige gute Kundenbeziehungen aus?“ Meine Haltung dazu ist: Für unsere Kund:innen sollten wir interne externe Partner:innen sein.
„Können Sie das mal eben übersetzen?“ „Würden Sie da einmal schnell drüberschauen – nur ein Check, dass Grammatik, Satzbau und Zeichensetzung stimmen?“
Wenn neue Kund:innen mit solchen Fragen zu mir kommen, bestehe ich auf ein Telefonat. Auf diese eine Frage möchte ich nämlich direkt mit einer Handvoll Gegenfragen ins Gespräch gehen. Ich möchte mehr klären als die handelsüblichen Eckpunkte der Auftragsklärung, das „Was-für-wen-bis-wann?“.
Vor allem das „Was?“ interessiert mich, ich schreibe das Eindenken, Einfühlen, Fragen, Verstehen groß. Ich möchte meine Rolle im Workflow der Kundin verstehen, und ich möchte, dass die Kundin versteht, welche Rolle sie für mich in meinem Workflow einnehmen kann, manchmal sogar einnehmen muss.

Warum? Nicht, weil ich Rechtschreibfehler vermeiden möchte. (So bringt es unsere Kollegin Emina auf den Punkt). Sondern weil es, wenn es gut werden soll, Augenhöhe braucht: aktive, proaktive Zusammenarbeit, Raum für Dialog, Raum für Rück- und Zwischenfragen, mit den richtigen Ansprechpartner:innen auf Auftragsseite.
Für diese Haltung habe ich – wie es der Zufall möchte: in einem Text, den ich übersetzen durfte – den treffenden Begriff gefunden. Im Idealfall machen wir, die Kundin und ich, mich gemeinsam zur „internsten externen Person“: ich kann eine Rolle einnehmen, in der ich so weit wie nötig in die Strukturen eines Unternehmens oder einer Institution Einblick habe und eingebunden bin und gleichzeitig meinen Blick von außen beibehalte.
Diese Rolle als Beraterin oder Berater, als Ratgeberin ist in meinen Augen ein ganz wesentliches Element unserer Arbeit. Sie muss nicht immer an erster Stelle stehen, sie muss nicht immer Aufwand bedeuten, gerade wenn Kund:innen mit guten Übersetzungserfahrungen zu uns kommen. Aber sie ist wichtig, denn das Gute-Fragen-stellen lässt aufhorchen, unser Mitdenken schafft Vertrauen, signalisiert Expertise.
Ein konkretes Beispiel: Ich habe bei der Übersetzung eines Jahresberichts nicht bloß meinen Tanzbereich – Übersetzung und Lektorat – im Blick, sondern auch das zweisprachige Layout, habe im Idealfall sogar Kontakt zu den Mediengestalter:innen und kann dort Stolpersteine ausräumen, weil auch dort erfahrene Leute nicht immer zweisprachig denken und ich den ein oder anderen Kniff in InDesign kennengelernt habe.
Ich denke also entlang der Lieferkette Redaktion–Übersetzung–Layout–Druck. Weil Kund:innen das eher selten erleben, trägt das dazu bei, den Stellenwert unserer Arbeit anzuheben. Und es sorgt beim nächsten Mal dafür, dass der Jahresbericht nicht mehr „nur noch“ oder „nur mal eben“ übersetzt werden soll, und dass aus einem „Drüberschauen“ ein aufmerksames, konsistentes Lektorat wird.
Meinen Appell sende ich deshalb in zwei Richtungen: Liebe Kolleg:innen, wir sind mehr als „nur“ Übersetzer:innen. Und liebe Kund:innen, wir haben mehr im Ohr als zwei (oder mehr) Sprachen. Wir haben Gespür fürs Lokalkolorit, aber auch für eure Lieferketten. Wir sind eure internen Externen.
In diesem Sinne: Auf die Zusammenarbeit auf Augenhöhe!
Lyam Bittar ist mit zwei Elternsprachen und drei Staatsbürgerschaften aufgewachsen. Gemeinsam mit seinen Kund*innen in den Bereichen Politik, Wissenschaft, Gesellschaft und Umweltschutz legt er sein Augenmerk darauf, Zukunft konstruktiv zu gestalten und an der ökologischen und sozialen Transformation mitzuwirken. Dieses Engagement hat er 2020 mit der Veröffentlichung seiner ersten Gemeinwohl-Bilanz unterstrichen. Seit November 2022 ist er Präsident des DVÜD e. V.