Können Sie unsere Mitarbeiter:innen für ihren Einsatz in Bosnien-Herzegowina vorbereiten? – Anfragen dieser Art tauchen immer wieder im Postfach auf. Dahinter steckt jedoch weit mehr als ein kurzer Vortrag über Dos and Don’ts. Interkulturelles Training ist eine eigenständige Dienstleistung, die Fachwissen, didaktisches Geschick und fundierte Praxiserfahrung vereint.
Das Hauptziel besteht darin, die Menschen auf die Zusammenarbeit mit Partner:innen aus anderen kulturellen Kontexten vorzubereiten. Im Mittelpunkt stehen dabei weniger reine Länderfakten als vielmehr Kommunikationsstile, Erwartungen, Werte und typische Missverständnisse.
Was beinhaltet ein interkulturelles Training?
Ein Training mit Fokus auf den Westbalkanbereich kann beispielsweise folgende Fragen aufgreifen:
- Wie direkt darf und sollte Kritik formuliert werden?
- Welche Bedeutung haben Hierarchien im Gespräch?
- Wie entscheidend ist es, vor dem Gespräch eine persönliche Beziehung aufzubauen?
- Wer nimmt an Gesprächen teil und welche Rolle haben die Beteiligten?

Es geht dabei nicht darum, „richtiges Verhalten“ zu lehren oder zu vermitteln. Das Ziel sollte vielmehr die Schaffung einer Handlungssicherheit sein – besonders in komplexen und oft sensiblen beruflichen Situationen.
Wie läuft ein interkulturelles Training ab?
Die Trainingssitzung ist nur ein Teil der Dienstleistung. Die Vorbereitung ist jedoch mindestens genauso entscheidend. Dazu gehören:
1. Auftragsklärung
Am Anfang erfolgt ein intensives Gespräch mit dem Auftraggeber. In welcher Branche und in welchem Umfeld sind die Teilnehmer:innen tätig? Geht es um Diplomatie, Wirtschaft, Entwicklungszusammenarbeit oder Verwaltung? Ein Training für entsandte Diplomat:innen unterscheidet sich deutlich von einer Vorbereitung von Projektmitarbeiter:innen.
2. Bedarfsanalyse und Konzept
Auf Basis dieser Informationen wird ein maßgeschneidertes Trainingskonzept entwickelt. Dabei werden sowohl landeskundliche Inhalte und Aspekte als auch typische Kommunikationssituationen wie Verhandlungen, Small Talk oder Konfliktgespräche berücksichtigt.
3. Durchführung
Innerhalb des Trainings wird überwiegend interaktiv gearbeitet. Das bedeutet, dass der Fokus auf Fallbeispielen, Rollenspielen und Erfahrungsberichten liegt. Klassische Frontalvorträge treten dabei in den Hintergrund.
4. Nachbereitung
Abhängig vom Auftrag können Feedbackrunden, begleitende schriftliche Materialien oder Follow-Up-Sitzungen Teil der Leistung sein.


Wie sieht interkulturelles Training in der Praxis aus?
Was das interkulturelle Training so besonders macht, sind die konkreten Situationen, in denen es gebraucht wird. Drei mögliche Szenarien, die sich an realitätsnahen Beispielen orientieren, sind:
1. Warum sagt er nie direkt Nein?
Ein Teilnehmer berichtete von einem lokalen Partner, der scheinbar allen Vorschlägen zustimmte, ohne dass eine anschließende Umsetzung folgte. Im Training wurde schnell klar: In vielen Kontexten gilt ein direktes „Nein“ als unhöflich. Um die Beziehung zu wahren, wird eine Zustimmung signalisiert. Erst mit diesem Verständnis konnte der Teilnehmer seine Gesprächsstrategie anpassen und gezielte Rückfragen stellen.
2. Das Meeting, das eigentlich keines war
Eine andere Gruppe ging davon aus, dass Meetings „effizient“ sein sollten und strikt der Agenda folgen müssen. Den Teilnehmer:innen wurde vor Ort jedoch klar, dass ausführliche Gespräche über persönliche Themen geführt wurden. Zunächst wurde es als Zeitverschwendung wahrgenommen, stellte sich aber als ein zentraler Bestandteil für den Aufbau von Vertrauen heraus. Ohne diese Phase wären die späteren Gespräche und Verhandlungen kaum möglich gewesen.
3. Zwischen den Zeilen lesen
Die Herausforderung besteht in der indirekten Kommunikation. Eine Rollenspielübung hat deutlich gezeigt, dass verschiedene Aussagen unterschiedliche Interpretationen zulassen: Während deutsche Teilnehmer:innen klare und explizite Aussagen erwarten, sind in anderen Kulturen und Kontexten Andeutungen sowie implizite Botschaften die Norm. Wer diese Zwischentöne übersieht, verpasst häufig das Wesentliche der Aussage.

Warum ist diese Dienstleistung so gefragt?
In einer Arbeitswelt, die von internationaler Vernetzung geprägt ist, sind Sprachkenntnisse allein nicht genug. Missverständnisse sind selten das Ergebnis von Grammatikfehlern. Viel häufiger sind es die Erwartungen an Kommunikation und Zusammenarbeit, die dafür sorgen.
Und genau an diesem Punkt setzt das interkulturelle Training an: Es sensibilisiert, ermöglicht Perspektivwechsel und hilft dabei, typische Stolpersteine frühzeitig zu erkennen. Auftraggeber profitieren also konkret von einer besseren Zusammenarbeit, weniger Konflikten und langfristig stabileren Beziehungen.
Hier finden wir als Sprachmittler:innen ein spannendes Arbeitsfeld, das sprachliche, kulturelle und didaktische Kompetenzen zusammenbringt und weit über die traditionellen Aufgaben des Übersetzens und Dolmetschens hinausgeht.
Bilder: 1, 2, 3, 4 Vitaly Gariev / Unsplash