BKMS – die Abkürzung für Bosnisch, Kroatisch, Montenegrinisch und Serbisch – ist weniger eine eigenständige Sprache, sondern vielmehr ein sprachliches Gewebe auf dem Balkan, ein Kontinuum aus eng verwandten Standardsprachvarianten, die über Grenzen hinweg fließen, ohne dabei ihren eigenen Charme zu verlieren. Wer sich auf eine Reise durch Sarajevo, Zagreb, Podgorica oder Belgrad begibt, betritt einen vereinten sprachlichen Äther. In dieser Welt betonen unterschiedliche Nuancen, Schreibweisen und Wortwahlen die kulturelle Einzigartigkeit und erleichtern dennoch eine reibungslose Verständigung.

In der Sozialistischen Föderativen Republik Jugoslawien wurde diese sprachliche Mixtur als Serbokroatisch bezeichnet. In Kroatien wurde sie während des kroatischen Frühlings zeitweise auch als Kroatoserbisch bezeichnet. Gemeinsam mit Slowenisch und Mazedonisch wurde sie als Amtssprache genutzt. Albanisch, Tschechisch, Ungarisch und andere Sprachen bereicherten den vielfältigen Sprachreigen des täglichen Lebens. Nach den aufgewühlten politischen Umwälzungen und Spaltungen in den 1990er Jahren wurden Bosnisch, Kroatisch, Montenegrinisch und Serbisch feierlich als eigenständige Nationalsprachen anerkannt. Heutzutage erklingen sie aus den Mündern der Bewohner Serbiens, Kroatiens, Bosnien-Herzegowinas, Montenegros und des nördlichen Teils des Kosovos. Seit geraumer Zeit wird der Begriff BKMS in der akademischen Welt als neutraler Sammelbegriff für diese enge sprachliche Verbindung verwendet.

Eine Karte der südslawischen Dialekte mit den Namen der Hauptgruppen. Die BKMS-Sprachen gehören zu Štokavisch / Wikipedia

Die vier gängigen Varianten sind sprachlich betrachtet Teil der südslawischen Sprachfamilie, eingebettet in den slawischen Zweig und verbunden mit der umfangreichen indogermanischen Sprachverwandtschaft. Die Offenbarung dieser Tatsache erfolgt durch die Struktur der Grammatik, die Melodie der Wörter und die simplen Begriffe. Unterschiede sind vor allem in der Orthografie, Fachterminologie, Stilrichtlinien und der harmonischen Koexistenz von lateinischer und kyrillischer Schrift erkennbar.

Man betrachtet häufig das antike Serbokroatisch als eine ideologisch durchtränkte Sprachschöpfung aus dem 19. Jahrhundert – als Bestrebung, diverse südslawische Dialekte zu einer vereinheitlichten Hochsprache zu verschmelzen. Die Konzeption der Normierung war eng verknüpft mit der Vision einer kollektiven Identität von Individuen, die einst diversen Reichen zugehörig waren. Ein bedeutender Wendepunkt in der Vergangenheit stellt das Abkommen von Wien aus dem Jahre 1850 dar, bei dem sich Intellektuelle aus Kroatien und Serbien auf eine gemeinsame Schreibweise sowie die Bezeichnung „serbokroatische Sprache“ einigten.

Herausragend unter den Pionieren dieser Umwälzung war der serbische Sprachreformator Vuk Karadžić (1787–1864; hier abgebildet), der die Umgangssprache zum Leitfaden erhob. Ebenso Ljudevit Gaj (1809–1872) trug dazu bei, diesen Wandel voranzutreiben. Er formte die kroatische Orthografie und gilt als Schöpfer der kroatischen Hochsprache. Durch ihre künstlerische Tätigkeit wurden die südslawischen Sprachen zu den Stars Europas: Karadžić unterhielt lebhafte Gespräche mit Johann Wolfgang von Goethe, während Jakob Grimm im Jahre 1824 durch seine Übersetzung der Kleinen serbischen Grammatik den Begriff „Serbokroatisch“ im deutschen Sprachraum populär machte.

Vuk Stefanović Karadžić - Ministry of Culture and Media of the Republic of Croatia, Croatia - Public Domain.
Titelblatt: Reise

Ein gewaltiger Schub wurde der Begeisterung verliehen durch die Adaptionen von Gesängen aus dem südslawischen Gebiet, insbesondere durch Therese Albertine Louise von Jacob, die weithin als Talvj bekannt war. Einst wurden häufig Melodien aus den Gefilden des heutigen Bosnien-Herzegowinas und Montenegros fälschlicherweise als „serbische Volkslieder“ bezeichnet – ein weiteres Zeugnis dafür, wie mühelos kulturelle und sprachliche Schranken in jener Region ineinander übergingen. Die sagenhafte Geschichte von „Hasanaginica“ wird niemals vergessen werden. In den Hallen einer vornehmen Adelsfamilie aus der Gegend von Imotski (heutiges Kroatien), die einst Teil des bosnischen pašaluk (einer Provinz des Osmanischen Reiches) war, wurde diese sagenumwobene Ballade geboren. Vermutlich wurde diese Erzählung im Laufe der Jahrhunderte von Lippe zu Lauscher in Imotski und den angrenzenden Auen weitergetragen. Letztendlich rettete der italienische Forscher Alberto Fortis sie im Jahr 1774 vor dem unausweichlichen Vergessen. Er gab ihr den Namen „Die Melodie der Morlaken“ (morlakisch bedeutet illyrisch). Zum ersten Mal erblickte sie in Venedig das Licht der Welt, als sie als Hauptfigur in „Ballade aus Illyrien“ in dem Buch Viaggio in Dalmazia [Reise in Dalmatien] auftauchte.

Hochkarätige Intellektuelle unserer Zeit wie Johann Wolfgang Goethe (1775), Walter Scott (1798), A.S. Puschkin (1835) und Adam Mickiewicz (1841), gehören zu den angesehenen Poeten, die sich an der Übertragung des Werkes „Hasanaginica“ versucht haben. Es steht außer Frage, dass sie zu den majestätischsten und imposantesten Balladen zählt, die jemals niedergeschrieben wurden. Die deutsche Übersetzung wurde nicht von irgendjemandem, sondern von Johann Wolfgang von Goethe im Jahr 1775 verfasst und wurde 1778 in der Welt bekannt gemacht, als sie in Johann Gottfried Herders Werk Stimmen der Völker in Liedern (erste Ausgabe: Volkslieder) unter dem Titel „Klagelied der edlen Dame des Asan Aga“ erschien. Goethe schafft es, den Rhythmus des bosnischen Originals beizubehalten, obwohl er die Sprache nicht kennt, indem er das Lied ziemlich frei übersetzt hat. Zu jener Zeit florierte das Interesse an der einheimischen und fremdländischen Poesie und erreichte seinen Höhepunkt in der romantischen Epoche. 

Emina Haye wurde im ehemaligen Jugoslawien geboren und flüchtete als Minderjährige mit ihrer Familie von Bosnien-Herzegowina über Kroatien und Ungarn nach Berlin. Sie studierte Germanistik, Geschichtswissenschaften und Psychologie an der Technischen Universität Berlin sowie Slawistik an der Humboldt-Universität zu Berlin. Sie arbeitet als Dozentin und Sprachmittlerin für BKMS, mit fundierter Erfahrung im Dolmetschen, Übersetzen und Sprachunterricht in kulturell sensiblen Kontexten. Darüber hinaus ist sie Mitbegründerin und Redakteurin des Buch- und Blogprojektes Bosnien in Berlin.

Bilder: Vuk Stefanović Karadžić (1787–1864) / Ministry of Culture and Media of the Republic of Croatia, Reise in Dalmatien / Hochschul- und Landesbibliothek Fulda, Garygo golob / Wikipedia.

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