Teil 1 ist hier.

2020 bis 2025: Freiberuflich durch die Krisen

2020 begannen die DVÜD-Themenwochen: Mehrmals im Jahr gab es eine Woche lang Artikel und Webinare zu einem speziellen Thema (z. B. Nachhaltigkeit, Technik, Recht oder Freiberuflerwissen) – in erster Linie von eigenen Mitgliedern und passend zu aktuellen Fachmessen. Die Corona-Lockdowns trafen dann insbesondere die Dolmetscher:innen der Branche brutal hart. Der DVÜD war zum Glück strikt digital ausgerichtet, hatte die nötige Technik parat und konnte Online-Mitgliederversammlungen schon vorher rechtssicher durchführen. Auch das zehnjährige Verbandsjubiläum 2021 feierten wir notgedrungen online. Dass ich bei dieser Gelegenheit zum Ehrenmitglied ernannt wurde, war eine Riesenüberraschung.

Und dann überfiel Russland die Ukraine. Übersetzerinnen und Dolmetschern mit der Arbeitssprache Russisch brach das Geschäftsmodell zusammen; wer Ukrainisch beherrschte, konnte sich vor Arbeit kaum retten, aber wieder einmal wurde erwartet, solche Kenntnisse in der Krise kostenlos bereitzustellen. Wir veröffentlichten Sprachressourcen, unterstützten ehrenamtliche Hilfe und betonten wieder einmal, dass Community-Dolmetschen anständig bezahlt sein sollte.

Mein DVÜD-Impuls: Hör nie auf, dich technisch und menschlich weiterzuentwickeln. Teamwork ist fantastisch, wenn sich alle ehrlich einbringen und wissen, was sie leisten können. Und lose Netzwerkkontakte können sich Jahre später auszahlen, wenn du einen Auftrag weitergeben möchtest oder Partnerinnen brauchst, denen du aufgrund früherer Erfahrungen vertraust.

Ein absolutes Highlight war mein Besuch auf der CEATL-Konferenz im EU-Parlament Straßburg, die ich als Verbandsvertreterin besuchen durfte. Setting, Gespräche und Vorträge waren gleichermaßen bereichernd, denn in der vielsprachigen EU zählt die Literatur zu den weichen Faktoren des Zusammenhalts.

DVÜD Funktionärstreffen 2023, Frankfurt am Main
DVÜD Funktionärstreffen 2024, Frankfurt am Main

15 Jahre DVÜD: Wie geht es weiter?

Mein Rückzug aus dem DVÜD-Team Ende 2024, hatte mehrere Gründe:

Erstens wollte ich mich politisch stärker engagieren. Darum fehlte mir Zeit für die Verbandsarbeit. Zudem sollte ein Berufsverband meinem Verständnis nach parteipolitisch unabhängig für die Interessen seiner Mitglieder eintreten. (Umgekehrt kann ich natürlich innerparteilich auf die Interessen von kreativen Freiberuflern und Soloselbstständigen hinweisen.)

Praxistage Germersheim 2024

Mein zweiter Grund war ein Bedürfnis nach neuen Netzwerken vor Ort, Menschen mit ganz unterschiedlichen Perspektiven, denen ich nicht in erster Linie online begegne. 

Der dritte Grund war mein 60. Geburtstag: Wer heute startet, steht vor einer Welt im rasanten Wandel. Hochkompetente Übersetzerinnen und Dolmetscherinnen aus meinem Netzwerk arbeiten inzwischen als qualifizierte Quereinsteiger halbtags oder auch Vollzeit als Angestellte. Sie bringen ihre breit gefächerten Kenntnisse mit, dazu unternehmerisches Gespür, Flexibilität, Teamgeist, einen hohen Arbeitsethos und einen Blick auf die Welt, der andere Perspektiven wahrnimmt und würdigt. Diejenigen, von denen ich über meine Netzwerke höre, sind in ihrem neuen Wirkungsfeld sehr zufrieden. Umgekehrt könnte es für Auftraggeber schwieriger werden, freiberufliche Übersetzer und Dolmetscher zu finden. Das dürfte für die Verbliebenen ein Vorteil sein.

Mein DVÜD-Impuls: Mutig sein und ausprobieren, was zur eigenen Lebenssituation passt. Wenn du selbstständig arbeiten willst, dann trau dich von Anfang an in den DVÜD. Und sei kein passives Mitglied, sondern engagiere dich! Bring deine Fragen und Ideen ein, gib die derzeitigen Antworten an andere weiter – ich garantiere dir, du lernst unglaublich viel und profitierst persönlich und beruflich von deinem Engagement.

DANKE, DVÜD!

Wenn ich nach 15 Jahren sage, „DANKE, DVÜD!“, dann meine ich damit all die Menschen, mit denen ich in dieser Zeit zusammengearbeitet habe. Ihr habt mich angespornt und herausgefordert, habt mich inspiriert und mir widersprochen. Frei, dynamisch, idealistisch und nie ganz allein, das ist mein Verband!

Imke Brodersen ist Diplom-Übersetzerin für Englisch und Spanisch und Fachübersetzerin für Medizin. Seit 1991 übersetzt sie vier bis acht Bücher pro Jahr, erst nebenberuflich, dann in Teilzeit, später hauptberuflich, mal allein, mal im Team. Sie ist 2012 als eines der ersten Mitglieder in den frisch gegründeten DVÜD eingetreten.

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