Wie alles begann: Die Unbeheimateten
Ende der Nuller Jahre traf sich die deutschsprachige Übersetzer-Szene gern in der Übersetzer-Lounge, einem moderierten Forum auf dem Portal XING. Schnell kristallisierten sich verschiedene Übersetzertypen:
- Einige brachten eine solide Ausbildung im Übersetzen und Dolmetschen mit, hatten aber wenig unternehmerisches Wissen.
- Andere hatten als Quereinsteiger gefragte Sprachkenntnisse und fachliche Expertise, aber keine einschlägige Ausbildung.
- Manche übersetzten und dolmetschten ehrenamtlich – oder suchten Ehrenamtliche.
Und es gab solche wie mich, die merkten, dass sich viel veränderte und Austausch mit Kolleg:innen suchten. Ich sah, dass manche Kolleg:innen sehr gute Arbeit leisteten, aber von den Fachverbänden keine Hilfestellung in der Gründungsphase bekamen. Es fehlte ein Verband für die Unbeheimateten.
Im Austausch mit Kolleg:innen beschäftigte uns regelmäßig die Frage: Wie findet uns der Direktkunde – passgenau und ohne Umwege? Und wie entrinnen wir dem Unterbietungswettkampf internationaler Auftragsportale?
2011 bis 2015: Frei, digital, unkonventionell
Mehrere Mitglieder der Lounge realisierten ein erstes gemeinsames Infovideo. Aus den dabei ausgetauschten Gedanken entstand Ende 2011 der Deutsche Verband der freien Übersetzer und Dolmetscher (DVÜD e. V.).
„Voll digital“, „Mein eigenes Profil“, „Auf Augenhöhe mit dem Kunden“, „Mentoring für Berufseinsteiger“ – dieses Konzept traf gerade bei einsatzfreudigen Soloselbstständigen einen Nerv. Die Aktivsten gingen auf Messen und Veranstaltungen auf ihren Kundenkreis zu; parallel tagte der „Runde Tisch Agenturen“. Für Einsteiger entwickelte der Verband Fortbildungen zu kaufmännischem Grundwissen wie Auftragsabwicklung oder Honorarkalkulation.

Politisch engagierten sich Verbandsmitglieder beim Ringen um die JVEG-Novelle (Festlegung der Honorare für Übersetzen und Dolmetschen bei Gericht), vernetzten sich mit anderen deutschsprachigen Verbänden im Rahmen der „Bremer Runde“ und brachten 2014 und 2015 angesichts der großen Flüchtlingskrise ihre Perspektive zum Thema Community-Dolmetschen im Kontext von Justizwesen und Medizin ein. Das kannten gerade Quereinsteiger:innen sehr gut und steuerten eigene Erfahrungen bei.
Doch als Selbstständige „nebenbei“ (also auf Kosten der eigenen Arbeitszeit, der Familie und des Privatlebens) rein ehrenamtlich einen Berufsverband aufzubauen, ist eine Herkulesaufgabe. Unterschiedliche Vorstellungen und Satzungsmängel führten zu wiederholten Vorstandswechseln.
Mein DVÜD-Impuls: Über den Tellerrand blicken. Ich besuchte Fortbildungen zu medizinischen Themen und zum Literaturübersetzen (Lenzburg!), begann zu bloggen und vertrat den Verband bei Infotagen für Studierende. In Diskussionen mit kreativen Freiberufler:innen aus anderen Branchen lernte ich viel über Urheberrecht, Kalkulation und Kundenpflege.

#DKonf2015: Triumph und Risse
Die 2010er Jahre waren die große Zeit der Übersetzerkonferenzen. In Europa traf sich die Branche bei Konferenzen von BDÜ, ATICOM oder ADÜ Nord, bei der TriKonf, bei ELIA Together oder der BP. Also organisierte der noch so junge DVÜD in Hamburg die DialogKonferenz mit Fokus auf den Austausch mit den Auftraggebern. In der Lernwerkstatt zu „Albtraumkunden – Alarmstufe Rot!“ stellte ich ein Schema vor, anhand dessen man schon im Erstkontakt abwägen kann, ob ein angebotenes Projekt passt oder ob dieser Kunde bei jemand anderem besser aufgehoben ist.
Mein DVÜD-Impuls: Aus der Wohlfühlzone treten und Neues wagen. Und sich gelegentlich zurücklehnen und mich als „meine eigene Chefin“ besser organisieren.
2016 bis 2019: Maschinelle Übersetzung vs. Faktor Mensch
2016 kamen die Kompetenzgruppen für Mitglieder mit Spezialwissen. Beim Anruf „Imke, machst du eine KG Medizin?“, sagte ich spontan zu, wollte dann aber auch volles Teammitglied sein. Die neue Gruppe verbesserte Sichtbarkeit und Austausch. Highlight war die von mir initiierte jährliche Fortbildung beim Ärztekongress Stuttgart samt verbandsübergreifenden Vernetzungstreffen.
Der hohe persönliche und finanzielle Einsatz für die #DKonf2015 hatte im Team Risse hinterlassen. Daran konnte auch ein inspirierendes Barcamp in der Südpfalz nichts ändern. 2016 wählten die Mitglieder einen neuen Vorstand, der mit viel Elan an die Arbeit ging, die Satzung und die Social-Media-Strategie überarbeitete und neue Fortbildungsreihen startete. Die Mitgliederzahlen verdoppelten sich, der DVÜD wurde FIT-Mitglied, wir erarbeiteten und veröffentlichten Wahlprüfsteine zur Bundestagswahl. Innerhalb eines Jahres flog dieses Team jedoch auseinander, und es kam zu vorzeitigen Neuwahlen. Ich stellte mich dem neuen Vorstand zur Verfügung und wurde Beiratsvorsitzende.
Wir setzten voll auf den Faktor Mensch, auf persönliche Begegnung bei Veranstaltungen und Teamtreffen. 2019 gab es die bisher einzige Präsenz-Mitgliederversammlung seit der Gründung, auf der sich diverse Durchstarter-Teams für ein neuartiges Mentoring-Konzept zusammenfanden.
Mein DVÜD-Impuls: Teamleitung und Technikbooster. Ich übernahm interne Steuerungsfunktionen, zum Beispiel bei der Fortbildung und beim Blog. Technisch musste ich mich mit diversen Plattformen auseinandersetzen, menschlich mit den Anforderungen an eine Teamleitung.
Teil 2 erscheint nächste Woche.