Als Freiberufler:innen haben wir – zumindest in der Theorie – alle Aspekte unseres Wirtschaftens im Blick. Gleichzeitig werfen die Umbrüche in unsere Branche die Frage auf: Wie viel Gestaltungsspielraum haben wir tatsächlich für uns, mit unseren Kolleg:innen, gegenüber unseren Kund:innen? Sind wir zu klein, um Gutes zu tun? Eine Einladung zum digitalen Ideen- und Inspirations-Café am 27. April.

Mich beschäftigen Fragen rund um das Thema Verantwortung seit meinem Start in die Selbstständigkeit. Seit 2015 habe ich mich immer wieder herausgefordert: Welchen Einfluss habe ich an welcher Stelle? Wie weit reichen meine Hände? Was kann ich an welcher Stelle fairer denken, transparenter gestalten?

Skepsis, Schulterzucken, Überforderung – das Spektrum an Reaktionen auf diesen grundlegenden Optimismus kann ich gut nachvollziehen. Was soll ich als Solo-Selbstständige denn schon bewegen? Ich allein bin doch viel zu klein. Das stimmt … nur zum Teil. Denn das Paradoxe ist: Große Agenturen – wie viele große Unternehmen – denken und sehen sich ganz genau so, nämlich als zu klein. Das ist meine Erfahrung auf Konferenzen und im Rahmen der FIT Working Group on Fair Work Practices.

Die Transformationsforscherin Josefa Kny hat das in ihrem Buch Too big to do good? etwas systematischer in den Blick genommen. Sie untersucht, welche Spielräume Großunternehmen wie die Drogeriekette dm oder der Versandgigant Otto haben, um sich in Richtung Gemeinwohlorientierung zu bewegen. Von ihr lerne ich: Es ist ein dominantes Narrativ, in Unternehmen und in den Wirtschaftswissenschaften, diese Überzeugung, dass wir keine andere Wahl haben als auf die äußeren Zwangsläufigkeiten zu reagieren. Es gilt das, was die Kundin will, was der Markt diktiert, was die Trends hypen, so ist das eben. Das führt uns schnurstracks in eine eigentlich absurde Situation: Wenn wir als Freiberufler:innen uns zu klein fühlen, um etwas zu bewegen, und große Player sich zu klein fühlen, um etwas zu bewegen – wer kann dann etwas bewegen? Wie lösen wir diese Paradoxie, diese ständige Verschiebung von Verantwortung, auf?

Bild: Kevin Lang / Unsplash

Wie immer bin ich Fan davon, (a) Dinge konstruktiv anzugehen und (b) im Austausch mit- und voneinander zu lernen. Selbstverständlich, sagt Josefa Kny, sind wir nicht in der Lage, die Welt nach Belieben zu formen. Aber unser unmittelbares Umfeld können wir hier und da durchaus beeinflussen. Wir machen uns kleiner als wir sind. Dem gegenüber steht das, was ich an anderer Stelle Business less usual genannt habe, also das Bestreben, ein Maß an mentaler und finanzieller Resilienz aufzubauen, das uns in die Lage versetzt, unsere Arbeitsbedingungen selbst zu bestimmen, Stress und Ausbeutung auf ein Minimum zu reduzieren und unsere Arbeit als maximal sinnstiftend zu erleben. Wie arbeiten wir als Selbstständige in unserem jeweiligen Umfeld mit Kolleg:innen für unsere Kund:innen so, dass unser mentales und finanzielles Wohlergehen gleichzeitig auch das Wohl unseres Umfelds und eine intakte Umwelt fördert? Dieses Ziel lässt sich in greifbares Gedankenfutter übersetzen:

  • Ein paar Ideen, die wir auf der Ich-für-mich-Ebene umsetzen können, haben wir vor zwei Jahren für den Praxistag an der FTSK Germersheim in einem kleinen Leitfaden zusammengetragen: „Grüner gründen“ versammelt Tipps vom fairen Banking bis zum nachhaltigen Versandhändler.
  • Unser Radius reicht noch weiter. Wie umsichtig wir uns mit Kolleg:innen zu Netzwerken zusammenschließen und unsere Zusammenarbeit gestalten, ist genauso relevant. Zahlen wir uns untereinander gleiche Honorare für gleiche Arbeit? Haben wir mögliche Pay Gaps im Blick? Vertrauensvolle Kooperation schlägt kurzsichtige Konkurrenz.
  • Und für uns als Verband: Welche konkreten Aufgaben ergeben sich, wenn ihr in eurer Selbstständigkeit an eure Grenzen stoßt? Welche Forderungen tragen wir in die Politik, in die Ausbildung, in die Verbandslandschaft?

Mit unserem digitalen Ideen-Café am 27. April 2026 ab 19:00 Uhr zum Thema „Too small to do good? Gemeinsam in Richtung Gemeinwohl“ wollen wir euch und uns Raum geben – zum Austausch, zum gegenseitigen Rücken-stärken, für Ideen und Impulse!

Die Einzelheiten finden Mitglieder ab nächster Woche im Mitgliederportal. Wenn noch Plätze verfügbar sind, öffnen wir die Runde ab dem 17. April auch für externe Teilnehmende.

Lyam Bittar ist mit zwei Elternsprachen und drei Staatsbürgerschaften aufgewachsen. Gemeinsam mit seinen Kund*innen in den Bereichen Politik, Wissenschaft, Gesellschaft und Umweltschutz legt er sein Augenmerk darauf, Zukunft konstruktiv zu gestalten und an der ökologischen und sozialen Transformation mitzuwirken. Dieses Engagement hat er 2020 mit der Veröffentlichung seiner ersten Gemeinwohl-Bilanz unterstrichen. Seit November 2022 ist er Präsident des DVÜD e. V.

Bild: Kevin Lang / Unsplash

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