Wer zwei Sprachen spricht und vielleicht selbst Migrationshintergrund hat, wird gern spontan zum „Dolmetschen“ herangezogen. Ob Zweisprachigkeit für den Quereinstieg ausreicht, hat Olga Müller gestern in ihrem Artikel in Bezug auf das Übersetzen beleuchtet. Der heutige Blogbeitrag stellt verschiedene Tätigkeiten vpr, bei denen das Dolmetschen teils ehrenamtlich, teils im Rahmen einer Festanstellung, teils freiberuflich erfolgt.

Wenn im Alltag Dolmetschen erforderlich ist, muss es oftmals schnell gehen – zwei Personen aus unterschiedlichen Sprach- und Kulturräumen möchten oder müssen sich verständigen, doch die Sprachbarriere steht dazwischen. Dann heißt es „Du kannst doch Rumänisch“ (alternativ: Tigrinya, Farsi, Thailändisch oder was auch immer). Die meisten Menschen reagieren im Notfall verständnisvoll und leisten wertvolle Hilfe. Am schnellsten sind oft Angehörige oder Freunde greifbar. In vielen Situationen ist das allerdings suboptimal, ganz besonders, wenn zweisprachige Kinder einspringen. Wie schnell jemand hier an Grenzen stößt, schildern der Artikel “Sprachgrenzen im Gemeinwesen” vom 29.04.2022.

Darüberhinaus gibt es unterschiedliche Möglichkeiten, andere Personen einzubeziehen – in den Augen derer, die die benötigte Sprache nicht beherrschen, sind das alles Menschen, die dolmetschen (synonym wird auch gern von „Übersetzen“ gesprochen – fachsprachlich ermöglicht Übersetzen die schriftliche Verständigung, Dolmetschen die mündliche). In diesem Artikel geht es um die Vielfalt der Bezeichnungen rund um das Dolmetschen.

Dolmetschen zwischen Ehrenamt und Festanstellung

Laiensprachhilfe

Laiensprachhelfer:innen sind nicht oder nur ansatzweise ausgebildete Menschen, die in Alltagssituationen das Dolmetschen übernehmen. Sie beherrschen die beteiligten Sprachen soweit, dass eine zielführende Verständigung möglich wird. Die Helfenden arbeiten in der Regel kostenlos und aus Freundlichkeit oder Verantwortungsgefühl heraus. Teilweise erhalten sie eine Aufwandsentschädigung oder eine Fahrtkostenerstattung. Aus diesem Grund sollten sie niemals für rechtsverbindliche Angelegenheiten in Anspruch genommen werden. Es wäre unbillig, sie für Fehler haftbar zu machen, zumal oft nicht bekannt ist, auf welchem Niveau sie die benötigten Sprachen beherrschen.

Sprachpaten / Lernpaten

Sprachpaten und -patinnen können sich bei der individuellen Sprachförderung einsetzen. Sie beherrschen in aller Regel die Landessprache auf muttersprachlichem Niveau und teilweise auch die Herkunftssprache der Lernenden. Dadurch können sie sich in deren Schwierigkeiten gut einfühlen. Sprachpaten stellen Kontakte her, führen Menschen mit wenig Deutschkenntnissen zum Beispiel in Vereine ein oder unterstützen bei der Alltagsbewältigung. Kinder, aber auch Auszubildende und Erwachsene können von Sprachpaten sehr profitieren – mitunter erwachsen aus einer Patenschaft langjährige Freundschaften. Manche Kommunen fördern und organisieren die Bildung von Sprachpatenschaften oder auch Sprachtandems für Neuankömmlinge.

Multiplikator:innen

Kommunen, Landkreise oder bestimmten Institutionen schulen mitunter Multiplikator:innen, um vorbereitete Informationen zu Bildung und Schulsystem, Gesundheit und anderen Themen weiterzugeben. Diese Schulungen sind für die Teilnehmenden kostenlos. Multiplikatoren sollen ihre Kenntnisse anschließend eigenständig – und in der Regel kostenlos und ehrenamtlich – in ihren Communities weitergeben, um eine bessere Integration anderer Migrant:innen zu ermöglichen.

Stadtteilmütter

Die Berliner Stadtteilmütter sind eine besondere Form der Multiplikatorinnen. Sie erhalten eine Ausbildung und danach eine sozialversicherungspflichtige Anstellung bei unterschiedlichen Vereinen und Verbänden, die eines der Berliner Familienzentren betreiben. Für Familien aus ähnlichen Kulturkreisen übernehmen sie eine wichtige Lotsenfunktion und sind an ihrem roten Schal auch äußerlich erkennbar. Ihre Hauptaufgabe ist Integrationsförderung. Damit ließen sie sich auch der Gruppe der Sprach- und Integrationsmittler:innen zuordnen (siehe unten). Die Arbeit als Stadtteilmutter kann auch ein Sprungbrett in eine besser bezahlte Tätigkeit sein. Dann müssten allerdings regelmäßig neue Interessentinnen die Ausbildung durchlaufen.

Sprachlotse, Sprachlotsin

Sprachlotsen sind ein Oberbegriff für unterschiedliche Tätigkeiten. Teilweise kommen sie an Schulen oder Kitas für die gezielte Sprachförderung zum Einsatz (meist mit befristeten Verträgen, also gegen Entgelt), teilweise ist es eine Umschreibung für ehrenamtliche Laiensprachhelfer. In Hamburg bieten ehrenamtliche Sprachlotsen Deutschunterricht an – zur Erstorientierung und lange bevor Neuankömmlinge einen Anspruch auf oder einen Platz in einem offiziellen Sprach- und Integrationskurs erhalten können.

Sprach- und Integrationsmittler:innen

Auch dies ist ein Oberbegriff, den die Fachstelle SprachQultur klar vom reinen Dolmetschen abgrenzt (Link zum Berufsbildvergleich). Sprach- und Integrationsmittler:innen durchlaufen eine bundesweit einheitlich geregelte Fortbildung und müssen selbst Migrationshintergrund mitbringen. Im Gegensatz zum reinen Dolmetschen, bei dem bewusst auf ungefragte Erklärungen verzichtet wird, gehört die proaktive soziokulturelle Vermittlung ausdrücklich zum Aufgabenbereich der Sprach- und Integrationsmittler:innen. Nach der Ausbildung arbeiten sie zum Beispiel als Integrationsfachkraft in Festanstellung, aber auch als Sprach- und Kulturmittler (siehe unten).

„Dolmetschpools“

Schon vor der Ankunft der vielen Geflüchteten 2015 hatten Kommunen und Sozialverbände Dolmetschpools aufgebaut, dann gab es vielerorts plötzlich eine Riesennachfrage, und das Modell wurde vielfach kopiert und regional angepasst. Dolmetschpools funktionieren meist so, dass die Kommune eine Verwaltungsperson finanziert (zum Beispiel eine Integrationsbeauftragte). Diese Person wiederum sucht Ehrenamtliche mit Sprachkenntnissen und möglichst viel Freizeit (!), organisiert Sensibilisierungsschulungen und sorgt dafür, dass der Bedarf einigermaßen gedeckt ist.

Der Pferdefuß: Die meisten Menschen, die in solchen Pools das Dolmetschen übernehmen, sind geschulte Laiensprachhelfer:innen. Ihre Ehrenamtspauschale darf bestimmte Summen nicht überschreiten (bis 2021 720 Euro, seit 2022 840 Euro im Kalenderjahr), damit nicht die Grenze zu einem 450-Euro-Job samt Sozialabgabenpflicht geknackt wird. Je besser jemand dolmetscht, je höher der Bedarf und je mehr Zeit er oder sie opfern kann, desto schneller rutscht die Person also in den Bereich, ab dem sie nicht mehr (oder nur noch unentgeltlich) eingesetzt werden darf.

Zweiter Pferdefuß: Menschen helfen gern für begrenzte Zeit, und die Lebenshaltungskosten steigen. Deshalb ist in Dolmetscherpools oft eine große Fluktuation zu beobachten – sobald jemand für den eigenen Lebensunterhalt mehr Geld benötigt, steht die Person dem Pool nicht mehr zur Verfügung.

Freiberufliche Tätigkeit

Übersetzer:innen und Dolmetscher:innen gelten beim Finanzamt als “Katalogberufe”, weshalb es besonders einfach ist, sich in der Sprachbranche als Einzelunternehmer:in selbstständig zu machen. Freiberufler:innen sind unternehmerisch und eigenverantwortlich tätig (hier eine Definition auf der Gründerplattform). Sie schultern alle unternehmerischen Risiken wie Auftragsflauten, Vermögensaufbau, Vorsorge für den Krankheits- und Pflegefall, Altersvorsorge, Werbung, Fahrtkosten, Versicherungen usw. aus eigener Kraft.

Dolmetschen im Gemeinwesen

Der Bedarf für das Dolmetschen im Gemeinwesen („Community Interpreting“) ist in Deutschland hoch. Er betrifft ganz unterschiedliche Bevölkerungsgruppen aus europäischen und außereuropäischen Ländern, die sich aus unterschiedlichen Gründen in Deutschland aufhalten.

In „Du kannst doch Ukrainisch …“ hat der DVÜD im März aus aktuellem Anlass die Verzahnung und das moralische Dilemma beim Dolmetschen im Gemeinwesen dargestellt.

Insbesondere beim Dolmetschen in der Medizin fordern ärztliche und psychotherapeutische Verbände seit langem verlässliche Strukturen mit ausgebildeten Fachkräften. Hintergründe hat der DVÜD unter anderem im Rahmen der Themenwoche Medizin im Februar 2021 in einem Interview mit Dr. med. Mimoun Azizi näher beleuchtet.

Der Koalitionsvertrag der Ampel-Regierung vom 24.11.2021 plant eine Regelung für „Sprachmittlung auch mit Hilfe digitaler Anwendungen wird im Kontext notwendiger medizinischer Behandlung Bestandteil des SGB V“. Das Fünfte Buch Sozialgesetzbuch (SGB V) regelt Bestimmungen zur gesetzlichen Krankenversicherung in Deutschland. Das bedeutet, dass Dolmetschen noch in dieser Legislaturperiode als Kassenleistung verankert werden könnte.

Ein Gesetzentwurf liegt bisher nicht vor, sollte jedoch Aussagen zur Qualifikation der Beteiligten und zur Vergütung enthalten. Der BDÜ hat hierzu im Dezember 2021 ein Positionspapier (PDF) erstellt und wünscht eine Beteiligung der Berufsverbände an der Erarbeitung des Gesetzes.

Wer in Dolmetschpools (siehe oben) mitarbeitet oder über Agenturen bestellt wird, bewegt sich derzeit in der Grauzone der Freiberuflichkeit, weil das Honorar für eine eigenverantwortliche Tätigkeit nicht immer ausreicht oder nicht frei ausgehandelt werden darf. Oft wird in diesem Bereich daher nur nebenberuflich oder als zweites Standbein gearbeitet.

Sprach- und Kulturmittler:innen

Diese Bezeichnung wird zunehmend als Oberbegriff für andere Tätigkeiten genutzt, mitunter aber auch für unbezahlte ehrenamtliche Einsätze. Das Wissen zu dieser Tätigkeit ist derzeit bei der bundesweiten Fachstelle SprachQultur gebündelt – samt Infothek, Datenbank und Drei-Säulen-Programm SKM (mit Differenzierung der Tätigkeiten). Die Grenzen zur Sprach- und Integrationsmittlung sind fließend. Tendenziell sind Sprach- und Kulturmittler:innen eher selbstständig oder nebenberuflich tätig.

Ein Beispiel für eine bezahlte Tätigkeit ist ein Projekt für Sprach- und Kulturmittlung im Justizwesen von NRW, in dem es u. a. um Prävention und Opferschutz geht. Hier besteht eine klare Abgrenzung zu vereidigten / beeidigten Justizdolmetschern, die eine hohe Qualifikation mitbringen und zum Einsatz kommen, wenn es um Rechtssicherheit im Justizwesen geht (Gerichte, Zeugenaussagen usw.).

Ein anderes Beispiel ist die Sprach- und Kulturmittlung in der Psychotherapie. Solche Angebote sollten in der Regel durch Supervision ergänzt werden und finden bereits im Grenzbereich zum Dolmetschen im Gemeinwesen statt. Die Anforderungsbeschreibung ist unmissverständlich (siehe Handreichung des PSZ Düsseldorf als PDF-Download mit weiterführenden Links).

Ein weiteres Beispiel, das eine Mischform zum Dolmetscherpool darstellt, ist das Projekt des Landkreises Ostallgäu. Hier erhalten die Sprach- und Kulturmittler:innen laut einem Bericht von UEPO vom 17.10.2021 eine zwölftägige Schulung. Die Einsätze vermittelt das Projekt kunterMund der Diakonie Augsburg.

Zur Abrundung: In der früheren DDR war Diplom-Sprachmittler die offizielle Bezeichnung für studierte Dolmetscher und Übersetzer. Der Begriff ist jedoch schon älter und unterliegt immer wieder Bedeutungsveränderungen (mehr dazu bei UEPO).

Justizdolmetschen

Das Dolmetschen in Gerichtsverhandlungen übernehmen in Deutschland allgemein beeidigte, öffentlich bestellte oder allgemein ermächtigte Dolmetscher. Die jeweilige Bezeichnung ist bisher landesspezifisch. Voraussetzung für die Aufnahme in das Verzeichnis sind nachweisliche Qualifikationen auf professionellem Niveau (siehe GDolmG § 3 und 4). Es handelt sich um eine Tätigkeit, die hervorragende Sprachkenntnisse und viel Hintergrundwissen erfordert, darunter auch Kenntnisse der deutschen Rechtssprache. Daher gelten Justizdolmetscher:innen als Sachverständige und werden entsprechend vergütet.

Die offizielle Dolmetscher- und Übersetzerdatenbank der Länder umfasst über 25.000 Personen mit diversen Sprachkombinationen (Stand: Juni 2022). Als Abrechnungsgrundlage für Gerichte gilt bundesweit das Justizvergütungs- und Entschädigungsgesetz (JVEG).

Achtung: Ab dem 1.1.23 sollen diverse Veränderungen in Kraft treten, unter anderem eine Befristung der allgemeinen Beeidigung für die Gerichtsdolmetscher auf fünf Jahre, die bisher nur in einzelnen Bundesländern galt.

In anderen juristisch wichtigen Bereichen wie bei Befragungen durch die Polizei, im Strafvollzug oder beim BAMF werden professionelle Dolmetscher in der Praxis vielfach nur beauftragt, wenn sie einer Vergütung deutlich unterhalb der JVEG-Sätze zustimmen.

Einen kleinen Einblick in die Praxis des Justizdolmetschens vermittelte im Sommer 2021 ein Interview mit Beate Maier.

Dolmetschen bei Verhandlungen, im TV, in der Politik, auf Konferenzen

Das Dolmetschen in solchen Situationen ist eine hochqualifizierte, sehr anstrengende Tätigkeit. Die Qualifizierung erfolgt in der Regel über ein einschlägiges Studium. Ausgezeichnete Sprachkenntnisse und die Hochschulzugangberechtigung sind die Voraussetzung für die Zulassung zum Studium. Auf Hochschulniveau ausgebildete Dolmetscher:innen (Diplom, Master) ermöglichen zuverlässige Verständigung auf höchstem Niveau und arbeiten später entweder freiberuflich oder werden bei Ministerien oder internationalen Institutionen angestellt.

Wie wir sehen, gibt es zahlreiche Tätigkeiten, bei denen Dolmetschen bzw. Sprachmittlung eine Rolle spielt. Manche Anbieter sind ungeschult, manche haben Schulungen unterschiedlicher Länge und Intensität durchlaufen. Wieder andere haben eine oder zwei Ausbildungen oder gar mehrere Studiengänge und anspruchsvolle Prüfungen absolviert. Für die Auftragsvergabe gilt daher: Gründlich nachfragen!

Als Quereinsteiger kannst du über viele Schienen ins Dolmetschen hineinrutschen. Um dich damit langfristig und erfolgreich selbstständig zu machen, solltest du eine gute Qualifikation mitbringen und diese durch Weiterbildungsmaßnahmen und Prüfungen beharrlich ausbauen. Die aktuellen Angebote aus Deutschland stellen wir morgen im aktualisierten “DVÜD-Leitfaden für die Aus- und Weiterbildung” (Version 2022) vor.

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